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Dreitausend Jahre Ultramarin



Von Dr. Herbert Röhrig ("Farbe und Lack", Centralblatt 1933)

Die Geschichte des Ultramarins, jener auch heute noch einzigen völlig lichtechten, prächtig leuchtenden blauen Farbe, ist noch niemals im Zusammenhang behandelt worden. Die Folge ist, dass man in Lehrbüchern und anderen allgemeinen Darstellungen entweder gar keine oder vielfach geradezu falsche, mindestens aber lückenhafte Angaben ohne inneren Zusammenhang findet. Demgegenüber zeigt die Erforschung der Quellen - hier wie auf allen Gebieten der Geschichte - das Nacheinander als eine sinnvolle Kette der Entwicklung, die zu betrachten zur genussreichen Freude wird, aber auch doch auch eine gewisse Bedeutung für die Praxis hat, wenn man nur weit genug denkt, um ein Mittel zur Bestimmung des Alters bemalter oder gefärbter Gegenstände als etwas Praktisches gelten zu lassen. Ein solches Mittel bildet aber jede Geschichte einer Farbe.

Der Lapislazuli

Vor etwa 100 Jahren zurückliegenden Erfindung des synthetischen Ultramarins liess sich der Farbstoff nur aus dem Lapislazuli gewinnen. Der Lapislazuli oder Lasurstein, ein auch heute noch viel als Schmuck getragener Halbedelstein ist mit dem Ultramarin innerhalb gewisser Grenzen chemisch identisch. Mit anderen Worten, er ist ein von der Natur fertig geliefertes Ultramain, das man nur deswegen nicht ohne weiteres für Malzwecke verwenden kann, weil es, abgesehen von der notwendigen Zerkleinerung und Mahlung, mehr oder weniger stark mit farblosen Kalkbestandteilen durchsetzt ist. Diese ganz zu entfernen, hat jahrtausendelang unüberwindliche Schwierigkeiten gemacht, die erst am Ausgang des Mittelalters völlig beseitigt werden konnte.

Gefunden wird der Lasurstein seit vorgeschichtlichern Zeiten fast ausschliesslich in Badakschan, einem Teil des heutigen Afghanistan. Bezeichnend für ihn sind vielfach über das Blau verteilte goldschimmernde Pünktchen, die in Wahrheit aber nur aus Schwefelkies bestehen. Sie dienten von je zur einfachen und sicheren Unterscheidungen des echten Steines von ähnlichen Mineralien, insbesondere der Kupferlasur (Azurit), einem basisch kohlensauren Kupferoxid, mit dem er zu allen Zeiten unendlich oft verwechselt worden ist. Das aus der Kupferlasur früher hergestellte "Bergblau" war aber weder unbedingt lichtecht noch sonst farbbeständig.

Das Altertum

Die ältesten Kulturvölker des Orients wussten bereits den herrlichen Gegensatz zwischen dem tiefen Blau des Lasursteines und dem Golde zu schätzen und in wahrhaft prachtvollen Schmucksachen zu verwerten. Namentlich die schmuckfreudigen Ägypter verwandten ihn immer wieder und stellten ihn unter dem Namen "chesbet" mit dem Golde auf eine Stufe. Da bei einer Bearbeitung des Steines notwendigerweise Splitter oder Pulver abfallen mussten, sollte man annehmen, dass der Schritt zur Verwendung als Farbe sehr klein gewesen wäre. Merkwürdigerweise hat man aber das ganze Altertum hindurch, so viel Farbstoffe auch analysiert worden sind, nicht ein einziges Mal Ultramarin in Malereien oder sonstwie gefunden.

Das ist umso merkwürdiger, als die Schriftquellen kaum einen Zweifel darüber lassen, dass die Alten es gekannt haben. Die Hieroglyphen sprechen mehrfach von "gestossenem chesbet", "chesbet-farben", "gemalt in chesbet", "Farbe aus echtem chesbet". Im Schatzhause Ramses III. in Medinet Habu (etwa 1180 v. Chr.) ist an der Wand neben Beuteln mit Goldpulver ein solcher abgebildet, der höchstwahrscheinlich Lasurstein-Pulver enthält.

Noch deutlicher sind griechische und römische Schriftsteller. Namentlich Theophrastos und Plinius beschreiben eine Farbe namens "kyanos aus Skythien" bzw. "Caeruleum Seythieum", die unmöglich etwas anderes als Ultramarin sein kann. Wie kommt es dann, dass man es trotzdem noch nie gefunden hat?

Meines Erachtens löst sich die Frage wie folgt: Die Ägypter wussten ein schönes Blau aus Sand, Kupferoxid, Kalk und Soda zu bereiten, das später sog. "Ägyptischblau", eine Glasfritte, die das ganze Altertum hindurch im Gebrauch blieb. Da man anderseits den zerkleinerten Lapislazuli noch nicht von den farblosen Beimengungen zu befreien verstand, musste er als stumpf und schmutzig weit hinter jenem verhältnismässig vollkommenen Farbstoff zurückstehen. Man hatte also gar keine Veranlassung, das im übrigen noch teure Ultramarin zu verwenden, obwohl man es allerdings kannte, und so wird es nur eine gleichsam akademische Bedeutung gehabt haben.

Mit dem Zusammenbruch der alten Welt und der Eroberung Ägyptens durch die Mohammedaner ging die Kunst, Ägyptischblau zu bereiten, verloren: an einer römischen Kirche aus dem 5.-6. Jahrhundert n. Chr. ist es zuletzt festgestellt worden.

Das Mittelalter

Neuer Anfang

Da nun die Malerei ihrer praktisch einzigen blauen Farbe beraubt war, musste sie wohl oder übel auf den bisher verschmähten zerkleinerten Lapislazuli zurückgreifen. Wie immer, wenn die Menschheit nur noch ein Mittel vor sich sieht, wurde auch diese einzige Möglichkeit angewandt, studiert und ausgebildet, bis eines Tages der grosse Wurf gelang und ein Verfahren gefunden wurde, die störenden Beimischungen zu beseitigen. Damit entstand erst das hochgeschätzte Ultramarin, das ein mittelalterlicher Schriftsteller als den "Diamanten unter allen Farben" bezeichnen konnte.

Das beginnende Mittelalter bezeichnet da Blau kurz als "Azur", ein Wort, das sich in der Form "Lazurium" zuerst bei einem griechischen Schriftsteller des 6. Jahrhunderts findet. Der gleiche Stamm steckt auch im "Lapislazuli" und namentlich in der "Lasur", wo er sich zur Kennzeichnung einer bestimmten Farbeigenschaft, die dem Ultramarin im besonderen eigentümlich ist, gewandelt hat. Wenn eine Farbe den Untergrund durchscheinen liess, sich ebenso verhielt wie der Azur, sagt man sie "lasiert", und in dieser Bedeutung hat sich das Wort ja bis heute erhalten. Das Wort kommt aus dem Persischen, wo "Lazul" oder "Lazur" die blaue Farbe bedeutet. Da der Lasurstein aus dem fernen Osten über Persien nach Europa kam, wurde hier der Name mit der Sache übernommen, ein Vorgang, den man ja in unendlich vielen Fällen beobachten kann. Man verstand aber unter Azur während des ganzen Mittelalters jede blaue Farbe überhaupt, namentlich also auch das Bergblau, so dass den Verwechslungen Tür und Tor geöffnet waren, bis unterscheidende Benennungen aufkamen. Selbst diese bannten aber die Verwirrung keineswegs ganz, so dass man niemals, wenn eine alte Quelle Lapislazuli oder Ultramarin spricht, mit Bestimmtheit annehmen darf, dass die wahren Träger dieser Namen wirklich gemeint sind. Das erschwert natürlich vielen Forschungsaufgaben sehr.

Ziemlich gleichzeitig mit der ersten Erwähnung des Azurs, der also nicht unbedingt Ultramarin zu sein braucht, in einer Schriftquelle ist der erste Fund der Farbe selbst zu datieren. Der verdienstvolle englische Chemiker A.P. Laurie hat eine grosse Anzahl alter Manuskripte auf die darauf verwandten Farben untersucht, und seine Feststellungen geben uns geradezu einen "roten Faden" für die Entwicklung unseres Farbstoffes in den nun folgenden Jahrhunderten. Zwei Blätter aus dem byzantinischen Evangelienbuch des 6. oder 7. Jahrhunderts weisen unser Blau zuerst auf; es ist aber noch stumpf und schwach und jedenfalls weniger schön - das ist wichtig - als das erst kürzlich ausgestorbene Ägyptischblau. Langsam wird die Farbe besser, aber erst das 12. Jahrhundert besitzt sie in der Vollendung.

Dies halbe Jahrtausend hindurch sind wir ausschliesslich auf die Beobachtung von Laurie angewiesen, und der darauf folgende erste Fund von Ultramarin auf Wandmalereien ist auch erst vor drei Jahren gemacht worden. Damals wurden in der merkwürdig schönen, etwa 1130 erbauten Kirche von Idensen unweit des Steinhuder Meeres Fresken entdeckt, die nach sachverständigem Urteil "ein Werk von allergrösster kunstgeschichtlicher Bedeutung" darstellen. An ihnen fand sich das Blau einfacher, grob zerstossener Lapislazuli, der damit das älteste bekannte Vorkommen in Wand- und Tafelmalereien um annährend 300 Jahre überbot!

Da für die Folge die Schriftquellen reichlicher zu fliessen beginnen, können wir uns nunmehr an diese halten und eingehendere Aufklärung erwarten. Die erste ganz sichere Erwähnung des Ultramarins in der Literatur stammt aus dem 11. Jahrhundert, aber erst im 14. Jahrhundert wird dieses Wort selbst zum ersten Mal gebraucht, und zwar gleich einmal in deutscher und einem in lateinischer Sprache. Die älteste deutsche Quelle für Maltechnik, das "Strassburger Manuskript", spricht an einer Stelle, die insgesamt aus dem Lateinischen übersetzt zu sein scheint, von "lazur, als man über mer macht" und der "Neapler Codex für Miniaturmalerei" nennt in seiner Farbenliste ein "Azurium ultramarinum".

Das Wort Ultramarin

"Lazur, als man über mer macht" und Azurium ultramarinum" - das ist offenbar beidemal derselbe Ausdruck, und es fragt sich, was er bedeutet. Unbedingt abgelehnt wird durch die deutsche Fassung die Erklärung, die Farbe sei "tiefer als diejenige des Meeres" und in diesem Sinne ultra-marin, sondern man kann richtig nur deuten "von jenseits des Meeres", nämlich des Mittelmeeres, kurz "überseeisch". Sehr die Frage ist es aber, was denn nun als überseeisch bezeichnet wird. Natürlich kam der Rohstoff, der Lasurstein, von "Übersee" nach Europa, aber das tat er schon das ganze Altertum und Mittelalter hindurch, und man sprach doch nur einfach vom "Azur". Es muss also noch etwas hinzugekommen sein, um das Überseeische auszumachen. Da ist es dann wichtig, festzustellen, dass dieser Name erst später auftritt als das verfeinerte Blau, und so meine ich, mit Bestimmtheit behaupten zu dürfen: die Bezeichnung "lazur, als man über mer macht" ist wortwörtlich aufzufassen und bedeutet, dass eben diese Verfeinerung und Bearbeitung zuerst jenseits des Meeres vorgenommen wurde. Jahhundertelang kannte man den unvollkommenen Azur aus Lapislazuli, da kam eines Tages ein wundervoll reines Blau statt seiner aus dem Osten, und staunend sprach der Westen von ihm als dem "überseeischen Blau". Das Wort ist dann in etwa ein Dutzend europäische Sprachen übergegangen.

Sein Gegensatz war die Bezeichnung des vielfach in deutschen Bergwerken gewonnenen Bergblaus in den Formen "Citramarium", "Azurro del'Alemagna", "Azurro della Magna", "Azurro tedesco" u. ä., doch muss man, wie gesagt, mit diesen Kennzeichnungen überaus vorsichtig sein.

Das Herstellungsverfahren

Auf die Frage, wie denn nun die Reinheit durchgeführt wurde, erhalten wir erst im 15. Jahrhundert, in jener regsamen Zeit der Renaissance, Antwort, und zwar gleich in einer solchen Ausführlichkeit und Fülle, dass es sich dabei nur um die Früchte einer langen Vorarbeit und Entwicklung handeln kann. Dass wir von dieser Vorarbeit nirgends irgendwelche Zeugnisse besitzen, bestärkt weiter die Vermutung, dass sie uns verborgen im Osten geleistet worden ist.

Drei verschiedene maltechnische Rezeptsammlungen, die des Franzosen Le Begue, des Italieners Cennino Cennini und das sog. Bologneser Manuskript, geben uns gleich mehrere Dutzend Vorschriften, die im Grunde aber alle auf dasselbe hinauslaufen und eine unendlich lange Reihe Rezepte bei den verschiedensten Schriftstellern eröffnen. In ihnen findet sich vom Anfang an die Kunst der Verfeinerung so vollendet vor, des es den vier kommenden Jahrhunderten, in denen sie ausgeübt wurde, nicht gelingen konnte, was Wesentliches hinzuzutun.

Das Verfahren war nach der mir am besten scheinenden Überarbeitung in aller Kürze folgendes:
500 g geeigneter Stücke Lasurstein werden erhitzt und gleich anschliessend in Essig geworfen, um die Kalkbeimengungen mürbe zu machen. Hierzu behauptet Raehlmann, der bekannte Historiker der Maltechnik, die Behandlung des Steines mit Essig bewiese, dass es sich nicht um echten Lapislazuli handeln könnte, weil das Blau durch die Essigsäure sofort zerstört würde. Damit bricht Raehlmann über den grössten Teil der Vorschriften den Stab, weil tatsächlich die meisten den Essig vorschreiben; sein Einwand ist aber objektiv unrichtig, denn jeder Versuch beweist, dass haselnussgrosse Stücke, wie sie hier in Frage kommen, wochenlang in Essig liegen können, ohne dass das Blau wesentlich leidet.

Nach dieser Behandlung werden die Stücke auf einem Reibstein oder in anderer Weise so weit zerkleinert, wie es mechanisch möglich ist, und schliesslich mit einem eigentümlichem Kitt (Pastello), der den Kern des Geheimnisses ausmachte, zusammengeknetet.

Die Zusammensetzung des Kittes besteht aus Terpentin, Kolophonium, weisses Pech, gelbes Wachs und Leinöl. Diese Bestandteile hat man über einem Feuer zusammenzuschmelzen und der Mischung durch ein feines Sieb das Lasursteinpulver unter ständigem Rühren zuzusetzen, bis eine völlige gegenseitige Durchdringung erreicht ist. Man lässt nun die Masse unter Wasser 14 Tage lang stehen und knetet sie dann in immer erneuertem Wasser stundenlang durch. Dabei zeigt es sich, dass das Blau ins Wasser entweicht, während der Kalk vom Kitt festgehalten wird. Bei jeder Erneuerung des Wassers nimmt die Tiefe der Farbe ab, die ersten Auswaschungen ergeben also die besten Sorten, die letzten ein blassblaues Pulver, die sog. Ultramarinasche.

In den verschiedenen Gefässen setzt sich das reine Ultramarin langsam zu Boden, und man braucht nur noch das Wasser abzuziehen, das Pulver zu trocknen und evtl. gewisse Nachbehandlungen folgen zu lassen, um die Farbe gebrauchsfertig zu besitzen.

Es leuchtet ein, dass diese unendlich umständliche, hier nur in Umrissen skizzierte Behandlungsweise, zu der noch der hohe Preis des Steines hinzukam, nur eine sehr teure Farbe ergeben konnte, wenigstens wenn man die guten Sorten berücksichtigt, Das vollständige Rezept umfasst nicht weniger als 49 Arbeitsgänge! Dazu kam noch die geringe Ausbeute an wirklich einwandfreiem Blau; die schwankte je nach der Güte des verwendeten Steines und der mehr oder weniger grossen Geschicklichkeit und Übung des Bearbeiters, dürfte aber 10 Prozent des Rohsteines selten überschritten haben.

Wertschätzung des Ultramarins

Die Schwierigkeit der Bereitung kommt ergötzlich in den Worten des Cennino Cennini zum Ausdruck: "Merke dir, dass es eine besondere Kunst ist, es gut zu bereiten. Und wisse, dass die jungen Schönen es besser zu machen verstehen als die Männer, weil sie beständig daheim bleiben, geduldiger sind und zarte Hände haben. Nur vor Alten hüte dich."

Höchst merkwürdig ist es auch, wie die Gleichsetzung des Ultramarins mit dem Golde, die schon die Ägypter vornahmen, jetzt nach Jahrtausenden wiederkehrt! So sagt Cennini: "Azzurro oltramarino ist wahrlich eine edle Farbe, schön, vollkommen über alle Farben, von demselben kann man nicht leicht zuviel Rühmens machen. Mit dieser Farbe und dem Golde erhält jedes Ding auf der Mauer oder Tafel Glanz."

Die Gleichsetzung beschränkte sich aber keineswegs aus ästhetische Betrachtungen, sondern gute Sorten wurden im eigentlichen Sinne des Wortes mit Gold aufgewogen! Schon im 13. Jahrhundert heisst es: "Die erste Sorte ist ihr Gewicht in Gold wert, die zweite in Silber und die dritte taugt zum Grundieren." Derartige Zeugnisse finden sich immer wieder, und namentlich Albert Dürer klagt in seinen Briefen über den hohen Preis.

Aus dem 15. und 16. Jahrhundert erfahren wir nun auch von dem Bestehen der ersten Ultramarinfabriken, wobei man sich aber natürlich darüber klar sein muss, dass es sich nur um eine rein handwerkliche Herstellung kleinsten Umfanges, die aber doch für den Verkauf bestimmt war, gehandelt haben kann. In dem einen Falle waren es Ingiesuati, eine Mönchsbruderschaft in Florenz, die sich einen schlimmen Preis für ihr schönes Erzeugnis bezahlen, es aber auch zur Ausschmückung des eigenen Klosters reichlich verwenden liessen. Und in dem anderen hören wir, dass der Apotheker Gianbatista Pigna in der Gegend von Modena sehr geschickt in dieser Kunst war und dabei zum reichen Manne wurde.

Ein Rückschlag

Wir stehen jetzt am Höhepunkt der Geschichte des natürlichen Ultramarins. Eine völlige Loslösung der blauen Teilchen aus dem Ganggestein ist erreicht, kein weiterer technischer Fortschritt erscheint mehr denkbar, und tatsächlich hat es denn auch, wie bereits erwähnt, über diesen Stand des 15. Jahrhunderts hinaus keinen Fortschritt mehr gegeben. Alles Erforderliche ist beisammen: das Rezept ist sichtlich weit verbreitet, wir wissen von Werkstätten und kennen den Preis, wir hören von der gerechten Hochschätzung, deren sich das Ultramarin erfreute. Zudem stehen wir mitten in einer Zeit, die einen gewaltigen Aufschwung der Malerei erlebte - da sind doch alle Vorbedingungen gegeben, um einen Siegeszug des Ultramarins zu erwarten.

Demgegenüber möchte man fast von Tragik reden, wenn man liesst, dass ausgerechnet an diesem Höhepunkt die Perser, durch deren Land die Zufuhr ja gehen musste, in ihrem Boden Kupferlasurvorkommen entdeckten, von denen sie glaubten, das es sich um Lapislazuli handelte, daraufhin die Durchfuhr des echten Steines unterbanden und ihren vermeintlichen Lasurstein in den Handel brachten.

Dadurch wurde die uralte Verwechslung der beiden ähnlichen Mineralien wieder sehr gesteigert, und die schlechte Haltbarkeit des Bergblaus wirkte auf das Ansehen des Ultramarins zurück. Ein Beispiel für die Verwirrung bildet das berühmte "Arzneibuch von Wirsung" (1512), in dem es heisst: "Lazurstein, Lazur, Lasur, Berblaw, heisst griechisch: Cyanon, lateinisch: Lapis cyaneus, lapis caeruleus und lapis stellatus, in den Apotheken Lapis lazuli." Hier scheint jeder Gedanke an eine Zweiteilung verschwunden.
Zwar mussten die Perser im 16. Jahrhundert das Durchfuhrverbot wieder aufheben, aber ein erheblicher Rückschlag in der allgemeinen Ausbreitung des Ultramarins war doch unverkennbar.

Neuzeit

Nach dem Abschluss des Mittelalters hat das natürliche Ultramarin keine weitere Entwicklung mehr durchgemacht, und die Neuzeit konnte sich darauf beschränken, das Bekannte in der Praxis zu benutzen, im Schriftturm zu wiederholen, abzuwandeln und zusammenzufassen. Von wichtigen Veröffentlichungen sei nur noch das Malerbuch des Alessio Piemontese von 1555 erwähnt, das eine geradezu klassische und für die gesamte Folgezeit massgebende Überarbeitung des Rezeptes enthält. Dieses Rezept liegt auch dem des Franzosen Haudicquer de Blancourt (um 1700) zugrunde, das der gesamten bisherigen Ultramarin-Literatur anscheinend als die älteste und einzig ursprüngliche Aufzeichnung gegolten hat, wovon in Wahrheit ja nicht annährend die Rede sein kann.

Die wirkliche Tat der Neuzeit aber führte über das natürliche Ultramarin hinaus und gipfelte darin, es durch das künstliche zu ersetzen. Die wissenschaftliche Ergründung der Natur des Lapislazuli begann damit, dass man sich im 18. Jahrhundert über das "färbende Prinzip" stritt, dabei aber schon zu gewissen Aufschlüssen über die Bestandteile des Steines kam. Ihre Krönung fand die Arbeit der Chemiker schliesslich 1806 in der denkwürdigen erste quantitativen Analyse des Ultramarins durch die Franzosen Clément und Désormes.

Was nun folgt, ist so oft beschrieben worden, dass ich mich ganz kurz fassen und namentlich auf die Schriften von R. Hoffmann verweisen kann. Durch den Erfolg von Clément und Désormes war der Gedanke an eine künstliche Darstellung des Ultramarins, indem die jetzt bekannten Bestandteile zusammenfügte und einem entsprechenden Verfahren unterwarf, angeregt worden. Er fand Unterstützung durch die gelegentliche Auffindung blauer Massen im Mauerwerk von Sodaöfen, wo sich also zufällig eine Art Ultramarin gebildet hatte. Durch genaue Untersuchung dieser Massen wurde ihre grosse Ähnlichkeit mit dem natürlichen Ultramarin nachgewiesen.

1824 setzte die Société d'encouragement pour l'industrie nationale zu Paris einen hohen Preis aus auf die "Entdeckung eine wohlfeilen Verfahrens zur Bereitung eine künstlichen Ultramarins, das dem aus dem Lasurstein gewonnenen vollkommen ähnlich wäre und zu 300 Franken je Pfund geliefert werden könnte." Diesen für unsere Begriffe phantastisch hohen Preis musste man damals als grossen Fortschritt empfinden. 1828 wurde die Prämie an Jean Baptiste Guimet in Toulouse vergeben. Fast gleichzeitig und jedenfalls unabhängig davon erfand der deutsche Chemiker C. G. Gmelin in Tübingen das künstliche Ultramarin ebenfalls, und zum Überfluss richtete im gleichen Jahre E. A. Köttig in der Meissener kgl. Porzellanmanufaktur ein vollkommen ausgebildetes Verfahren der Ultramarinfabrikation ein und brachte im Frühjahr 1829 die neuen Farben unter dem Namen "Lasursteinblau" in den Handel. Die erste eigentliche Ultramarinfabrik wurde aber erst 1834 von Dr. C. Leverkus errichtet; sie bildet den Grundstock der heutigen Vereinigten Ultramarinfabriken.

Im Jahre 1828 wurde also das künstliche Ultramarin von drei verschiedenen Seiten unabhängig voneinander erfunden, und das Jahr 1828 bezeichnet deshalb praktisch das Ende des natürlichen Ultramarins, denn das fabrikmässig hergestellte Produkt war ihm chemisch gleich, entsprach ihm also auch maltechnisch in allen Eigenschaften, hatte aber den grossen Vorzug, gewaltig viel billiger zu sein und mit der fortschreitenden Ausbildung des Verfahrens immer billiger zu werden.

Diese Ausbildung des Verfahrens und der sich von Jahr zu Jahr steigernde Einblick in das Wesen des Farbstoffes hatten auch noch die weitere Folge, eine sich mehr und mehr verzweigende Fülle von Sorten zu schaffen. Sehen wir von rein industriellen Verwendungszwecken ab, so wurde auch für den Anstrich eine Auswahl geschaffen, die sich der alte, mit dem Lapislazuli-Produkt arbeitende Maler hätte nie träumen lassen. Heute kann der Maler wählen zwischen tief dunklen und zart hellen, zwischen rotstichigen, grünstichigen und einer unendlichen Skala dazwischenliegender Tönen. Für Sonderzwecke stehen ihm Sondersorten zur Verfügung, z.B. für die Zement-Mischtechnik. Alle Arten aber sind nahezu unbegrenzt mit den anderen gebräuchlichen Farben mischbar, hitze- und natürlich unbedingt lichtecht.

Mit der Zeit kamen zu dem blauen das grüne, violette und rote Ultramarin hinzu, aber die wichtigste Farbe innerhalb der Gruppe ist bis heute das Blau geblieben und wird es voraussichtlich auch immer bleiben.

Von diesem Blau gilt in besonderem Masse der Ausspruch des Schweizers de Mayerne vor mehr als dreihundert Jahren, den man zu einem hübschen Wortspiel verwenden kann: "Ultramarin ne meurt jamais." Das soll natürlich heissen : "Ultramarin verblasst niemals", aber man kann es mit vielem Recht auch wörtlich nehmen und übersetzen: "Ultramarin ist unsterblich."

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