
Caput-mortuum
Besonders feinpulvriges, rotes Eisen-III-oxid
Fe2O3
Weil das Caput-mortuum farblich eine Sonderstellung einnimmt, möchte ich es an dieser Stelle extra vorstellen. Es handelt sich hier um ein mehr oder weniger violettstichiges Braun. Durch Mischen würde man diese dunklen Töne erzielen, wenn man Dunkelrot mit Schwarz mischt.
Chemisch handelt es sich um besonders reines Eisen-III-Oxid (Fe2O3). Bezüglich seiner Herkunft kann man es in zwei Gruppen unterteilen: natürliches und synthetisches Caput-mortuum. Farblich sind hier keine entscheidenden Unterschiede festzustellen, welche auf die Herkunft hinweisen.
Natürliches Caput-mortuum findet sich, wie die anderen Eisenoxide an vielen Stellen der Welt. Zeitweise von Bedeutung war das Persischrot. Beim Côte d'Azur violett handelt es sich um eine ziemlich kühle Sorte, welche sich schwer anreiben lässt, da sie sehr hart und sandig ist. Der leichte Lilastich ist denn auch auf die aufhellenden Verunreinigungen zurückzuführen. Beim Benetzen mit Bindemittel, vor allem bei Öl, wirkt der Ton schlagartig dunkler, aber auch transparenter. Ansonsten gilt für Caput-mortuum, das es sich hier um typische deckende Pigmente handelt. Nur haben die Naturfunde trotz aller Farbtontiefe eben häufig einen sehr harten bis sandigen Charakter, was für Wandtechniken durchaus wünschenswert sein kann.
Synthetisches Caput-mortuum wurde bereits sehr früh von den Alchimisten gewonnen. Eisenvitriol (Eisen-II-Sulfat) wurde in Retorten bis zur Glut erhitzt, wobei Schwefeltroxid entwich, welches zusammen mit Wasser Schwefelsäure ergab. Diese violett-braunen Rückstände waren also ursprünglich ein Abfallprodukt, dann aber sehr als Malpigmente geschätzt, handelte es sich doch um ein hochreines Eisen-III-Oxid ohne störende Beimenungen. Mitte des 19. Jh. schliesslich begann man, künstliche Eisenoxide auch im grösseren Stil fabrikatorisch herzustellen. Während die helleren Sorten allgemein damals als Marsrot bezeichnet wurden, nennt man die dunkelsten auch heute noch Caput-motuum, je nach dem Zusatz "violett".
Ich bin unter anderem im Besitz von einer Pigmentprobe mit der Bezeichnung "Morellensalz - Caput-mortuum violett", wahrscheinlich ein Glühprodukt, welche tonlich und bezüglich ihrer Konsistenz nahezu identisch mit einem modernen Industrieprodukt ist! Naturfunde fallen häufig auch wärmer im Ton aus.
Sämtliche Caput-mortuum Sorten sind unbegrenzt haltbar und für alle Maltechniken geeignet. In Aquarell-Sortimenten sind unter dieser Bezeichnung zumeist hellere, wärmere Töne enthalten. Aufgrund der besonders hohen Deckfähigkeit sind diese jedoch in Aquarell, wo es zumeist auf Transparenz ankommt, weniger glücklich gewählt, da sie auf dem Papier leicht schmutzig aussehen. An sich genügt bei weichen Sorten in wässrigen Bindemittelsystemen ein Anspachteln, in Öl sollte grundsätzlich mit dem Glasläufer angerieben werden, sieht man von den Kleinstmengen für den sofortigen Verbrauch ab. Interessant ist, dass der Farbton des Pigments bei Ölzusatz in eine sattere und leicht wärmere Nuance umschlägt. In Tempera-Technik ist, wie bei den meisten anderen Erdfarben auch, nach dem Firnissen ein beträchtlicher Gewinn an Tiefe festzustellen.
Der violettstichige Charakter dieser Pigmente kommt besonders bei Weissausmischungen zur Geltung und erstaunlicherweise lässt sich unter Zusatz von Ultramarin- oder Kobaltblau ein verhältnismässig schönes Violett ermischen! Der Effekt ist noch interessanter, wenn man beispielsweise mit Tempera untermalt und dünn mit Blau überlasiert. Vor diesem Hintergrund ist die Frage interessant, wieso die alten Meister kaum von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht haben.
Als Kuriosum sei an dieser Stelle noch das Preussischblau erwähnt. Hier wurde ein besonders feines Eisenoxid mit fast lasierenden Eigenschaften durch Glühen von Preussichblau gewonnen, wobei giftige Blausäure entwich. Ich habe das mit einer sehr kleinen Menge ausprobiert und erhielt einen lasierenden (!) Oxidschwarz Ton.
Quelle: "Malmaterial und seine Verwendung im Bilde" (19. Auflage, 2001) von Max Doerner:
Ein altes synthetisches Pigment ist das Caput-mortuum (deutsch, Totenkopf), dessen merkwürdiger Name buchstäblich aus dem Alchimistenlaboratorium stammt.
Im 15. Jahrhundert schon haben sich Alchimisten mit der Darstellung von Schwefelsäure beschäftigt. Neben dem Zielprodukt, der so genannten "rauchenden" Schwefelsäure, die man wegen ihrer Dickflüssigkeit auch Vitriolöl genannt hat, fiel beim Abrösten von Pyrit bei dehr hohen Temeperaturen ein in getrocknetem Zustand sehr feines bläulich-violettes Pulver als "Abfall" an.
Die Alchimisten folgten dann dem Sprachgebrauch ihres Berufstandes, indem sie es "Caput-mortuum", gewissermassen als "wertloses Zeug", bezeichneten. Dieser mysteriöse Name ist den bläulichen Eisenoxiden bis heute erhalten geblieben, obschon die Pigmente heute nach ganz anderen Verfahren hergestellt werden.
In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt, wie der zweite eigenartige Name (Kolcothar oder Colkothar) dieses Pigments entstanden ist. Man dachte dabei an die Schädelstätte "Golgatha" (auf Hebräisch eigentlich "golgotha"). Von dort zu Kolcothar, dem Caput-mortuum, dem Totenkopf, ist es nun wahrlich nicht weit.
Der dritte Name des Pigments, Morellensalz, nimmt sich dagegen direkt simpel aus. Morellen sind bekanntlich die blauroten Sauerkirschen, die Schattenmorellen genannt werden. Caput-mortuum kann durch Ausfällen von Eisenhydroxid aus Eisensalzlösungen und durch Glühen des Fällungsproduktes gewonnen werden.
Siehe auch allgemeine Informationen zu Erdfarben,
Rötel und Hämatit.
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